Eine Abenteuerreise durch die kulturelle Vielfalt der Erziehungsstile
Ein Tagebuch des Projekts "Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin"
Abbildung: © Laura Tran
Der Anfang
Berlin, Juli 2015: Die ersten Tage des Monats sind von einer Hitzewelle geprägt. Auch bezüglich der europäischen „Flüchtlingskrise“ gibt es hitzige, stark aufgeladene Debatten. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Migrationsphänomenen ist ein heikles Thema geworden. Mit ihrem sozialanthropologischen Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin machen auch Birgitt und Gabriel diese Erfahrung. Ihre Abenteuerreise startet mit der Frage danach, mit welchen affektiven Spannungen und Kräften zwischen Eltern und Kindern die Erziehung von vietnamesischen Einwander*innen der ersten Migrationsgeneration in Deutschland verbunden ist.
Auf ihrer neunjährigen Reise kreuzten zahlreiche Menschen inner- und außerhalb der Universität den Weg der Forschungsgruppe des Sonderforschungsbereichs Affective Societies.
Der Verlauf des Projektes glich:
„…einem Fallschirmsprung…“ (Gabriel Scheidecker)
„…einer Abenteuerreise zu Fuß, per Schiff, durch Wüsten, durch Wälder…“ (Birgitt Röttger-Rössler)
„…einer Reise durch den Dschungel…“ (Giang Thierbach)

Abbildung: Plakat Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin, erstellt durch das Projekt
Navigation durch den Dschungel
Bei Klick auf die Pins erhalten Sie eine Beschreibung zu den einzelnen Stationen.
Illustration © Jens Notroff
Die Crew
Dr. Anne Anh Thu Lam
Dr. Anne Anh Thu Lam war in der ersten Laufzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin. Sie promovierte zum Thema Parenting-Praktiken und Vorstellungen ehemaliger vietnamesischer DDR-Kontraktarbeitenden in Berlin. Anne Anh Thu Lam ist aktuell auf landespolitischer Ebene tätig.
Prof. Dr. Birgitt Röttger-Rössler
Die ehemalige Sprecherin des Sonderforschungsbereichs (2015-2022) ist seit April 2024 Professorin im Ruhestand. Sie war seit 2008 als Professorin für Sozial- und Kulturanthropologie an der FU Berlin tätig. Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten zählen u.a. Emotionen und Affekte, Sozialisation und Erziehung, Psychologische Anthropologie und südostasiatische Gesellschaften. Zum Profil
Prof. Dr. Gabriel Scheidecker
Der Sozial- und Kulturanthropologe war in der ersten und zweiten Laufzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin. Seit 2023 hat er eine SFN-Förderprofessur am Institut für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaften (ISEK) der Universität Zürich und forscht zu frühkindlichen Interventionen im globalen Süden.
Giang Thierbach
Die Sozial- und Kulturanthropologin war in der zweiten Laufzeit Mitarbeiterin im Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin. Sie promoviert zur familiären Restrukturierungen im Kontext von Migration und ist Mitinitiatorin des Café8 TV-Sprachcafé Vietnamesisch. Nach dem Projekt war sie Mitarbeiterin im Projekt „Das neue vietnamesische Berlin“.
Die Bilder wurden durch den SFB 1171 bereitgestellt
Der Aufbruch
Den Beginn des Projektes begleitet eine gespannte Besorgnis. Wird alles gutgehen? Bekommen wir Zugang zum Feld? Möchten die Menschen überhaupt mit uns über sich und die eigenen Gefühle reden? Es geht darum, herauszufinden, wie sich die Sozialisation und der Wandel von Emotionsrepertoires in vietnamesischen Migrationsfamilien in Berlin im generationen- übergreifenden Austausch gestalten. Im Fokus sollen die ehemaligen Kontraktarbeitenden als nunmehr Großeltern, deren Kinder und Enkelkinder stehen. Schon die ersten Besuche in Kindertagesstätten halten jedoch etwas Unerwartetes bereit:
„Das klappt nicht. Die Kinder haben gar nichts mit den Kontraktarbeitenden zu tun!“
(Birgitt Röttger-Rössler)
Die Crew erkennt, dass die Kitakinder einer anderen Zuwanderungsgruppe angehören als vermutet. Eine Zuwanderung, die sie als neue Migration bezeichnen:
„Die Forschung hat dazu geführt, dass mehr Aufmerksamkeit auf diese neue Migration gefallen ist.“
(Gabriel Scheidecker)

Die gesamte Episode 8 der ersten Staffel des SFB-Podcast „More than a Feeling – Gefühle und Gesellschaft“, in der Birgitt Röttger-Rössler und Hoang Anh Nguyen über Gefühlsbildung im vietnamesischen Berlin sprechen, finden Sie hier
Das Projekt wird so umgeplant, dass die bislang völlig unbeachtete Migration einer neuen Generation von vietnamesischer Zuwanderung in die Forschung einbezogen werden kann. Im Folgenden finden Sie ausgewählte Statistiken zur vietnamesischen Migration, die für die Forschung relevant waren.

Abbildung: Feldnotizen Kitabeobachtungen – Vorstudie, von Birgitt Röttger-Rössler
„Ein Tag der Reise bringt einen Korb voll Lernens.“
(Vietnamesisches Sprichwort)
„Wie ein Ostseespaziergang bei Sonnenschein“
Berlin-Lichtenberg, März 2016: Um mehr über die Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen mit vietnamesischen Wurzeln herauszufinden, starten Birgitt, Anne Anh Thu Lam und Gabriel die Studie GefühlsBilder am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg. Es gibt viele Schülerinnen und Schüler mit vietnamesischem Migrationshintergrund, deren Gefühlswelten oft in einem Spannungsverhältnis zwischen zwei Kulturen stecken. Persönlich reizt den damaligen Schulleiter Detlef Schmidt-Ihnen die neue Forschungsmethode „Photovoice“.
Die Zusammenarbeit glich „einem Ostseespaziergang bei Sonnenschein“ (Detlef Schmidt-Ihnen) und die Crew hat viele neue ErkenntnisseMehr zu diesen Erkenntnissen können Sie hier nachlesen. gewonnen, u. a. darüber, wie Heranwachsende lernen, sich zu erinnern.
Am Barnim-Gymnasium haben 70 % der Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Herkunft einen vietnamesischen Migrationshintergrund. In Lichtenberg keine Seltenheit, findet man hier doch auch mit über 12.452 Menschen den größten Anteil der 28.045-köpfigen vietnamesischen Community in Berlin.1Statistisches Bundesamt. (2. Mai, 2024).
Anzahl der Ausländer in Berlin nach Staatsangehörigkeit im Jahr 2023
[Graph]. In Statista. Zugriff am 3. März 2025, unter folgendem Link
Audio: A quiet seaside seagulls distant: freesound_community, Pixabay

Abbildung: Flyer Gefühlsbilder, erstellt durch das Projekt Gefühlsbildungen im vietnamesischen Berlin
Vietnam
Hanoi, Herbst 2016: Die gemeinsame Reise mit dem Barnim-Gymnasium geht weiter und führt nach Vietnam. Seit 2012 gibt es einen jährlichen Schüleraustausch zwischen dem Gymnasium und der Viet-Duc-Oberschule in Hanoi, so auch 2016. Dieser Austausch vermittelt den Schüler*innen wesentliche Eindrücke in die Lebens- und Gefühlswelten vietnamesischer Familien und ermöglicht ihnen, „ihre eigene emotionale Situation zu analysieren“ (Detlef Schmidt-Ihnen, ehemaliger Schulleiter des Barnim-Gymnasiums). Birgitt begleitet diesen Schüleraustausch und lebt wie die Schüler*innen während dieser Zeit in einer vietnamesischen Gastfamilie.
Sie interessiert vor allem, wie die mitreisenden Vietdeutschen Schüler*innen das Herkunftsland ihrer Eltern erleben und wie sie die Reaktionen ihrer Schulkamerad*innen auf Vietnam wahrnehmen und einordnen. Viel diskutiert wird während dieser Reise auch, was Eltern-Kind-Beziehungen in Vietnam charakterisiert und welche Emotionen ihnen zugrunde liegen.
Auszug Forschungstagebuch
(Röttger-Rössler, 2016)
Zugfahrt von Thap Cham nach Quy Nhon–Hie
8.10.2016Heute mit T. während der endlosen Zugfahrt nach Quy Nhon über hieu gesprochen. Sie hat mich sofort auf ein Lied aufmerksam gemacht, das in Vietnam ein riesiger Hit ist und die Mutter Kind-Beziehung besingt. […] T. erklärte, die elterliche Liebe und Fürsorge für die es kein spezielles Wort gibt, da sie so selbstverständlich sei, würde die Kinder motivieren auch ständig ihre Eltern „mitzudenken“, sie nicht zu vergessen, stets beim eigenen Handeln daran zu denken, wie die Eltern das jeweils finden würden, aber auch zu bedenken, wie man den Eltern Freude machen könnte. Für sie bedeutet dieses „Eltern ständig mitdenken“ hieu, es sei viel mehr als nur Respekt, es sei die emotionale Dimension der Kind-Eltern-Beziehung .
Zwischenräume
Berlin, Juli 2019: Die ethnographische Forschung der letzten Jahre hat deutlich gemacht, was in der zweiten Laufzeit nun genauer erforscht wird: Der Praxis der Elterninterventionen kommt eine besondere Bedeutung zu, da die Programme der ErziehungshilfeMit Erziehungshilfe wird im Projekt die Unterstützung und Kontrolle der Eltern bei der Kindererziehung durch staatliche und nicht-staatliche Institutionen verstanden. auf Veränderungen der Erziehungspraktiken und damit der Emotionsrepertoires der vietnamesischen Eltern abzielen.
Berlin, Herbst 2019/Frühjahr 2020: Giang kommt als Pädagogin für den stärkeren Anwendungsbezug dazu und bringt ihre Kenntnisse der Erziehungsstile und -praktiken der vietnamesischen Community ein. Giangs Start und der weitere Verlauf der Reise werden von der COVID-19-Pandemie überschattet. Es fehlt vor allem der für die Erkenntnisproduktion so wertvolle informelle Austausch. Orientierungslosigkeit, Unsicherheit, Befremdung bestimmen die Gefühlswelten der Forschenden.
Sozialpädiatrisches Zentrum Friedrichshain
Berlin, Dahlem Ende 2017: Nach einem Vortrag von Birgitt und Gabriel zu Eltern-Kind-Beziehungen und Ernährungspraktiken im vietnamesischen Berlin im „Offenen Hörsaal“ der FU Berlin kommt Diemut Geigenmüller vom SPZSozialpädiatrisches Zentrum im Vivantes Klinikum Berlin-Friedrichshain. mit der Crew ins Gespräch. Gemeinsam mit Sprachtherapeutin Susan Spallek vom SPZ beginnt eine über zwei Jahre dauernde begleitende Studie zu Fütterstörungen. Dabei wechseln sich konzeptionelle Treffen im ganzen Team und die Hospitation von Gabriel in Susan Spalleks Beratungssitzungen ab. Es gab „viele erhellende Momente“ (Diemut Geigenmüller).
Info
Bedeutung von Kuhmilch
Die globalisierungs- und migrationsbedingten Einflüsse werden am Beispiel der Bedeutung und Gabe von Kuhmilch sehr deutlich. Kuhmilch als relativ neues, mit dem Westen assoziiertes Nahrungsmittel wurde in Vietnam mit dem Versprechen eingeführt, dass es Kinder größer und intelligenter werden lässt. Da Milch in Deutschland vergleichsweise erschwinglich ist, kommt es dazu, dass der Kuhmilchkonsum bei der Kinderernährung der vietnamesischen Migrant*innen in Berlin den Bereich des Notwendigen oft übersteigt.
Erst durch die Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt wurde den Mitarbeiterinnen vom SPZ die Tragweite der Bedeutung von Kuhmilch für Vietnamesinnen und Vietnamesen in Berlin klar, sodass sie nun alternative, altersgerechte Nahrungsmittel, die Milch enthalten, mit in die Beratung der Eltern bei Fütterstörungen einbauen.
Abbildung: Milch und ihre kulturelle Bedeutung, erstellt mit Canva KI
Was hat die Sprachtherapie mit Fütterstörungen zu tun? Das Thema Fütterstörungen ist eine Spezialisierung in der Sprachtherapie. Diese geht davon aus, dass bereits beim Baby Trinkprobleme, wie erschwertes Saugen, zu Interaktionsstörungen und später zu Sprachstörungen führen können. Von Geburt an wird geschaut, dass das orofasziale, d. h. das Gesicht und den Mund betreffende, Gleichgewicht erhalten oder geschaffen wird. Der Einfluss der Interaktionsmuster durch die familiäre Einbindung ist relevant. Bei Migrant*innen kommt hier die interkulturelle Komponente noch hinzu, wie man am Beispiel der Bedeutung von Kuhmilch gut erkennen kann.
„Ich wusste auch nicht, dass das Füttern ein so starker Liebesbeweis ist […]. Das ist etwas ganz Emotionales!“
(Susan Spallek)
Die Erkenntnisse aus der Kooperation zwischen Sozialpädiatrie und dem Forschungsprojekt sind mit in den „Werkzeugkasten“ des SPZ gewandert. Die Zusammenarbeit und die Ergebnisse haben dazu angeregt, allgemein noch sensibler mit den kulturellen Hintergründen von Migrationsfamilien in der Beratung umzugehen.


Abbildung: Gabriel Scheidecker, bereitgestellt durch den Sonderforschungsbereich
Diese andere Art der Kommunikation, die ein anderes Publikum erreicht, sollte nicht nur ein Nebenprodukt der Wissenschaft sein:
„Es macht viel Arbeit und sollte wertgeschätzt und als eine wissenschaftliche Leistung genauso wie eine wissenschaftliche Publikation anerkannt werden.“
(Gabriel Scheidecker)
Ostkreuzcity
Berlin, 2019: Es ist die 11. Aufführung eines theaterpädagogischen Konzepts in der vietnamesischen Erziehungshilfe, die Gabriel und Giang innerhalb von zwei Jahren ethnografisch begleitet haben. Über ein Netzwerktreffen der vietnamesischen Community kommt das Projekt 2017 mit OstkreuzcityOstkreuzcity ist eine Erziehungshilfeinstitution, die soziale Arbeit im Bereich der Jugend- und Eingliederungshilfe betreibt und sich u.a. auf die vietnamesischen Migrant*innen fokussiert hat. in Kontakt. Sie waren in Kitas, Grundschulen, gemeinnützigen Vereinen sowie Integrations- und Sprachschulen, haben Videoaufzeichnungen und FokusgruppeninterviewsFokusgruppeninterviews in der qualitativen Forschung sind wenig bis gar nicht strukturierte Interviews kleiner Gruppen, die oft eine Orientierungshilfe bei der Identifikation eines Forschungsproblems leisten. Weitere Informationen zu Fokusgruppen finden Sie hier. durchgeführt.

Abbildung: Vietnamesische Kinder in Spielsituation, © Phương Chu
Den Aufführungen liegt ein theaterpädagogisches Konzept zugrunde, das vom „Interinstitutionellen Projekt zur Stärkung der Erziehungskompetenz“ Berlin entwickelt und von Ostkreuzcity für die vietnamesischen Eltern angepasst wurde. Die Struktur sieht vor, dass nach einem pädagogischen Fachvortrag zwei Versionen einer alltäglichen Situation in der Familie gespielt werden. In der ersten Version endet das Stück in einem Konflikt, zu dem die Eltern dann Lösungsvorschläge für den Konflikt geben können. Die zweite Version ist dann eine konfliktfreie.
In dieser Kooperation möchte das Projekt herausfinden, woher die Skepsis gegenüber dem Feld der Erziehungshilfe kommt, obwohl die Hauptmotivation für die Migration die Hoffnung auf eine bessere Bildung für die eigenen Kinder in Deutschland ist.
„Paris by Night“
Berlin, 04. September 2021: Der Launch des digitalen Storytelling im vietnamesischen Berlin „Generation(en) erzählen - Chuyện trò thế hệ“ findet in den Räumen der FU statt. Es ist der Höhepunkt, vielleicht auch ein emotionales Highlight, einer Zusammenarbeit mit dem VLab.Das VLab ist eine gemeinnützige Organisation, gegründet von Bürger*innen der zweiten Generation vietnamesischer Migrationsfamilien, die als Gruppe von Kulturschaffenden ein eher akademisches Publikum ansprechen. Mehr über die Zusammenarbeit mit dem VLab und das digitale Storytelling erfahren Sie hier. Mitgründerin des VLab Berlin, Điệu Linh Đào, begleitet das digitale Storytelling als wissenschaftliche Mitarbeiterin und lädt die deutsch-vietnamesische Regisseurin Hai Anh Trieu ein, am Konzept zu den Videos mitzuwirken und Regie zu führen. Ursprünglich hatten Hai Anh Trieu und Điệu Linh Đào die Idee, dass sich Menschen der vietnamesischen Community in Berlin treffen, gemeinsam kochen, „Paris by Night“„Paris by Night“ ist eine 1983 uraufgeführte Varieté-Theater-Show der zunächst nach Frankreich geflohenen „Boatpeople“. Als „Boatpeople“ wurden ursprünglich die im Zuge des Vietnamkriegs aus Südostasien Geflüchteten bezeichnet. Die Immigrant*innen stellten ein liberales, z. T. kritisches Programm zusammen, dessen Ausstrahlung, Konsum und Verbreitung in Vietnam verboten waren. Ende der 1980er zog die Produktion nach Kalifornien. Die Kinder der ehemaligen Vertragsarbeitenden erinnern sich alle an die Filmabende mit der ganzen Familie. Die Videokassetten von „Paris by Night“ wurden dazu unter den Migrant*innen weitergegeben. schauen und darüber reden. Die Zusammenführung der vietnamesischen „Love Languages“ scheiterte an der Corona-Pandemie. (Hai Anh Trieu)

„Wir hatten diese große tolle Veranstaltung, bei der wir die Filme gezeigt haben.“
(Hai Anh Trieu)
Abbildung: © Hai Anh Trieu
Audio: Ausschnitt Folge 2 Generation(en) erzählen - Chuyện trò thế hệ
Die gesamte Folge 2 und alle weiteren des digitalen Storytellings finden Sie hier.
Galerie: Impressionen zum digitalen Storytelling, © Laura Tran
Die Rückkehr
Im Juli 2023 hat die Crew des Teilprojektes zur Gefühlsbildung im vietnamesischen Berlin ihre Abenteuerreise beendet. Seitdem gehen alle neue Wege, die jedoch nachhaltig von der gemeinsamen Reise geprägt sind: Giang beendet ihre Dissertation mit dem Arbeitstitel "Familiäre Restrukturierungen im Kontext von Migration. Perspektiven aus Nordzentralvietnam und Berlin“, Gabriel hat eine SFN-ProfessurDer Schweizerische Nationalfonds (SFN) fördert als privatrechtliche Stiftung im Auftrag des Bundes herausragende Forschung unterschiedlichster Disziplinen. in der Schweiz und Birgitt, nun im Ruhestand, engagiert sich ehrenamtlich in der Weiterbildung von Fachkräften in Erziehung und Familienarbeit und schreibt ein praxisbezogenes Buch zur kulturellen Vielfalt der Erziehungsstile. Eines steht fest: Die „Erfolgsstory“ (Birgitt Röttger-Rössler) im Sonderforschungsbereich war nur der Anfang…
Wo ein Weg endet, beginnt ein neuer. Nach acht Jahren Forschung geht es in neuer Zusammensetzung in ein weiteres Abenteuer. Die Forschungsergebnisse haben den Weg in die Öffentlichkeit gefunden und dazu geführt, dass das Bezirksamt Lichtenberg eine Studie zum neuen vietnamesischen Berlin in Auftrag gegeben hat.
Mit Giang und Birgitt sind nun noch Hang Hoang aus dem Netzwerk „Seelische Gesundheit von vietnamesischen Migrant*innen“ sowie Edda Willamowski aus einem weiteren Vietnam-Projekt des Sonderforschungsbereichs mit dabei.

Abbildung: Team des Projektes zum neuen vietnamesischen Berlin, bereitgestellt durch den Sonderforschungsbereich
Nach der Reise
Berlin-Lichtenberg, 22. Mai 2024: Der Fachtag im Bezirksamt dient dazu der Öffentlichkeit die Ergebnisse des Projekts zum neuen vietnamesischen Berlin vorzustellen. Das Projekt stellt eine Schnittstelle zwischen den beiden Vietnam-Projekten im Sonderforschungsbereich, dem VIAVerband für Interkulturelle Arbeit; Regionalverband Berlin/Brandenburg e.V. und dem migrantischen Netzwerk in dem Hang tätig ist, dar.
Der Fokus auf die Migrations- und Ankunftserfahrungen vietnamesischer junger Frauen und Mütter erfordert den Einbezug verschiedenster Institutionen, deren Kooperationsbereitschaft und Interesse trotz großer Offenheit der Projektmitarbeitenden oft Grenzen hat. Für die Migrations- und Bildungspolitik Berlins sind die Ergebnisse „düster“, aber wichtig. Die Studie zieht vor allem nach Erscheinen des Projektberichts weite Kreise.
Giang und Hang kannten sich bereits vorher. Sie haben zusammen das Café8 TV- Sprachcafé VietnamesischVietnamesische Kinder können hier ihre Muttersprache lernen und mehr über die Herkunftskultur ihrer Familie erfahren. gegründet und dafür 2022 den Lichtenberger Integrationspreis gewonnen. Die Kinder können durch Kita-ähnliche Aktivitäten in die vietnamesische Sprache eintauchen.

Abbildung: Impression Lichtenberg, von Birgitt Röttger-Rössler
Es war eine intensive Zeit für das Team. Innerhalb eines halben Jahres haben Hang Hoang und Edda Willamowski über 60 Interviews geführt und von verschiedenen Ebenen und Perspektiven analysiert. Es ist diese Intensität, die den Erkenntnisgewinn befördert hat.
„Während der Studie waren vor allem Giang und ich sehr emotional.“
(Hang Hoang)
Panorama der Ergebnisse
Wissenschaftliche Erkenntnis kommt nicht „wie die Jungfrau zum Kinde“. Es erfordert schon vor Beginn eines Projektes viel Arbeit und Vorbereitung. Ein Projektantrag ist ein aufwendiges, kräftezehrendes, Werk. Auch die „Abenteuerreise der kulturellen Vielfalt der Erziehungsstile“ begann bereits 2014 mit einer ausgiebigen Recherche. Was gibt es an Literatur zum Thema? Welche Studien lassen sich finden? Was kann aus der eigenen bisherigen Forschung passen? Lesen, Sammeln, Notieren, Recherchieren… und Verwerfen. Dann alles wieder von vorne, bis der Projektantrag steht.
Dadurch, dass die neue Zuwanderungsgruppe mit Kindern im Kita- und Schulalter mit einbezogen wurde, konnte die Crew herausfinden, dass die Sozialisationsbedingungen der frühen Kindheit zentral für Gefühlsbildungen sind. Hierzu gehören auch die (oft diskriminierenden) Erfahrungen mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Dieser gezielte Blick auf die Emotionsrepertoires der verschiedenen Generationen zeigte dem Projekt, dass sich übergreifende Emotionsrepertoires hauptsächlich durch Kommunikation innerhalb einer Generation herausbilden.
Deutlich wurde auch, dass Fragen der Zugehörigkeit bzw. eine empfundene Nicht-Zugehörigkeit bei Heranwachsenden und jungen Erwachsenen großen Einfluss auf ihre Selbstverortung und Gefühlsbildung nehmen.
Rückblickend sind Zusammenarbeit und Kooperation mit Einrichtungen im Bereich der Sozialen Arbeit, der Erziehungshilfe und mit migrantischen Netzwerken die wichtigsten und erfolgreichsten. Die Forschung hat deutlich gemacht, dass nach Deutschland migrierte Eltern bzgl. ihrer Erziehungsmethoden nach Maßgabe der Erziehungsnormen der deutschen Kinder- und Jugendhilfe bewertet und umerzogen werden. Diese Erziehungsnormen entstammen der westlich gebildeten Mittelschicht und beziehen kulturelle und soziale DiversitätAuch in der sozialanthropologischen Forschung zum Bindungsbegriff wurde kulturelle und soziale Diversität bislang nicht einbezogen. Das Projekt zum vietnamesischen Berlin ergänzt den Attachment-Begriff um diese Dimension. Weitere Informationen zum Attachment-Begriff in der Forschung des Verbundes finden Sie hier. nicht ein. Empfehlungen, die darauf abzielen, das elterliche Verhalten anzupassen, stellen Praktiken der Gefühlsbildung dar.
Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen beim SPZ konnte ein Beitrag zur Aufklärung von Fütterstörungen bei vietnamesischen Eltern-Kind-Beziehungen geleistet werden. Die andersartige Art und Weise des Umgangs mit Füttern und Mahlzeiten kann nicht, wie bislang angenommen, als absichtliche oder hingenommene Gefährdung von Kindern betrachtet werden. Diese Störungen entstehen durch die Kluft der kulturell unterschiedlichen Erziehungsmethoden und der Unwissenheit auf Seiten der Migrant*innen und der Institutionen in der Erziehungshilfe. Die Ethnologie widmet Fragen der unterschiedlichen Ernährung mit der kulinarischen Ethnologie sogar einen eigenen Forschungsbereich.
Info
Die Ethnologie widmet Fragen der unterschiedlichen Ernährung mit der kulinarischen Ethnologie sogar einen eigenen Forschungsbereich.
Abbildung: Kulinarische Ethnologie, © Laura Tran
Die Mehrheit der globalen Gesellschaften und Gemeinschaften nutzt multiple Fürsorgesysteme, in denen es nicht nur die Mutter ist, die zuerst und allein für die Kinder sorgt.Ein Netzwerk aus befreundeten und benachbarten Personen sorgt für die Kinder, die von Beginn an lernen, unterschiedlichen Personen zu vertrauen. Die unterschiedliche Nähe zu Bezugspersonen wird damit selbst wählbar und ist nicht biologisch vorgegeben. In multiplen Fürsorgesystemen spielt vor allem der intergenerationale Austausch eine große Rolle. Geschwister achten aufeinander, Alte und Junge bilden ein Beziehungsgeflecht. Ein für den Durchschnittsmitteleuropäer vielleicht zunächst irritierender Einblick.
Durch drei praktische Fortbildungsmodule werden die Erkenntnisse der Forschung für Akteur*innen in der Erziehungshilfe dauerhaft nutzbar gemacht. Ziel ist es, dass eine wissenschaftlich legitimierte Materialsammlung erstellt wird, die im Rahmen von Fortbildungstagen der Erziehungshilfe und sozialen Arbeit zu Fortbildungszwecken angefragt werden kann. Der erste Teil ist nach einer Testphase mit Praktikerinnen und Praktikern online zugänglich.
Das Modul wird bereits bei den nutzenden Expertinnen und Experten als „Eye Opener“ bezeichnet, da es deutlich macht, dass der deutsche Erziehungsstil im globalen Vergleich nur ein Minderheitenmodell darstellt.

Was bleibt?
Nicht nur Forschende fragen sich nach Beendigung eines Projektes, in das sie über Jahre hinweg viel Zeit, Herzblut und Anstrengungen investiert haben, was am Ende bleibt. Auf persönlicher Ebene sind es Erinnerungen und das Bewusstsein, mit mehr Erfahrungen und Wissen in das nächste Vorhaben zu starten. Ganz nüchtern betrachtet sind es natürlich die Erkenntnisse, die mit der Welt geteilt werden können.
An dieser Stelle finden die interessierten Lesenden eine Auswahl an wichtigen Publikationen sowie Hinweise zu relevanten Aktivitäten und Formaten des Projektes.
Publikationen (Auswahl)
Hang, Hoang; Röttger-Rössler, Birgitt; Thierbach, Huong Giang; Willamowski, Edda (2024): Die neue Zuwanderung aus Vietnam. Perspektiven aus Lichtenberg, Berlin [online] http://dx.doi.org./10.17169/refubium-43138
Mai, Nga Thi Thanh; Scheidecker, Gabriel (2020): Die Unterschätzten. Ein Kurzporträt der neuen Migration aus Vietnam nach Deutschland. In: VLab Berlin (Hrsg.) Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind. Vietdeutsche Lebensrealitäten im Wandel. Berlin: Regiospectra, S. 117–130.
Mai, Nga Thi Thanh; Scheidecker, Gabriel (2025): Help Can Harm: Unintended Consequences of Child Protection and Parenting Support for Vietnamese Immigrant Families in Germany. Ethos.
Lam, Anh Thu Anne (2022): „Und irgendwann wurden wir immer weniger streng“. Parenting-Praktiken und Vorstellungen ehemaliger vietnamesischer DDR-Kontraktarbeitender in Berlin – eine biographische Interviewstudie, [online] https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/39758/.
Röttger-Rössler, Birgitt (2017): Deutsche Eltern aus Vietnam. Affektive Dimensionen der Eltern-Kind-Beziehungen im vietnamesischen Berlin. In: Kocatürk-Schuster, Bengü (Hrsg.): Unsichtbar: vietnamesisch-deutsche Wirklichkeiten, Köln: Edition DOMiD, [online] https://domid.org/angebot/publikationen/, S. 274-287.
Röttger-Rössler, Birgitt (2018): Multiple Belongings. On the Affective Dimensions of Migration. In: Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 143, Nr. 2, [online] https://www.jstor.org/stable/26899773?seq=1, S. 237-262.
Röttger-Rössler, Birgitt (2019a): Gefühlsbildung (the formation of feeling). In: Slaby, Jan; von Scheve, Christian (Hrsg.): Affective Societies. Key Concepts, London: Routledge, https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781351039260-5/gef%C3%BChlsbildung-formation-feeling-birgitt-r%C3%B6ttger-r%C3%B6ssler, S. 61-72.
Röttger-Rössler, Birgitt (2019b): Gefühlsbildung. Zur Erziehung und Formung von Emotionen. In: Kappelhoff, Hermann et al. (Hrsg.): Emotionen. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin: J. B. Metzler, [online] https://doi.org/10.1007/978-3-476-05353-4_45, S. 312-318.
Röttger-Rössler, Birgitt (2024): Nicht-Zugehörigkeit. In: Kolesch, Doris (Hrsg.): Affektive Dynamiken der Gegenwart. Formen, Wirkungen, Erfahrungen, Berlin: Neofelis Verlag, [online] https://neofelis-verlag.de/verlagsprogramm/wissenschaft/kultur-sozialwissenschaften/1084/affektive-dynamiken-der-gegenwart/, S. 175-186.
Röttger-Rössler, Birgitt; Thierbach, Giang (2025): Erziehungsziele und -praktiken in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Schriftenreihe Soziale und kulturelle Vielfalt von Kindheit, Familie und Erziehung. Heft 2. [online] http://dx.doi.org/10.17169/refubium-46260.
Scheidecker, Gabriel (2019): Attachement. In: Slaby, Jan; von Scheve, Christian (Hrsg.): Affective Societies. Key Concepts, London: Routledge, https://doi.org/10.4324/9781351039260-6 S. 73-84.
Scheidecker, Garbriel; Thierbach, Giang; Nguyen, Hoang Anh; Röttger-Rössler, Birgitt (2020): Navigation durch schwieriges Gelände. Erziehung und Erziehungshilfe aus Sicht vietnamesischer Migrant*innen in Berlin. In: VLab Berlin (Hrsg.) Ist Zuhause da, wo die Sternfrüchte süß sind. Vietdeutsche Lebensrealitäten im Wandel. Berlin: Regiospectra, 43–56.
Scheidecker, Gabriel; Spallek, Susan; Tran, Kieu Nga; Geigenmüller, Diemut; Röttger-Rössler, Birgitt (2021): Kultursensible sozialpädagogische Versorgung am Beispiel von Fütterstörungen. Kinderärztliche Praxis. Sozialpädiatrie und Jugendmedizin 92, S. 98-102.
Die vollständige Publikationsliste finden Sie hier.
Relevante Aktivitäten und Formate
Die Sängerin, Songwriterin und Sozialarbeiterin Ngoc Anh Nguyen ist als Kind vietnamesischer Vertragsarbeiter in einer Kleinstadt in der Oberlausitz aufgewachsen. Unter dem Künstlernamen ANOTHER NGUYEN verarbeitet sie Fragen von Identität und Gefühlen der Zugehörigkeit in ihrer Musik. In „Motherland“ thematisiert sie die Zerrissenheit, die Menschen erfahren, die zwischen zwei Kulturen leben.